Raumhafen Adamant – Ratschlag 29

März 14th, 2011 von AWiesler
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Ratschlag ist eine Fortsetzungsgeschichte von André Wiesler aus dem Raumhafen-Adamant-Universum und spielt vor dem Hintergrund des RAD-Rollenspiels. Sie stellt ein Sequel des RAD-Romans Die vergessene Schlacht dar und wird wöchentlich in diesem Blog fortgesetzt. Die vorhergehenden Episoden können hier eingesehen werden.

29

Narbatur spürte die Kälte schon in seine Glieder schießen, da sprang ihn Tera an. Sie riss ihn von den Füßen, doch sie war einen Sekundenbruchteil zu langsam. Der Strahl traf sie genau in den Rücken und eisige Kälte schlug Narbatur entgegen, als ihr Körper sich versteifte, Rücken und Beine von einer Eisschicht bedeckt wurden und das Wasser in ihrem Gewebe sich knisternd in Kristalle verwandelte.

Dann landeten sie auf dem Boden. Narbatur wollte entsetzt aufschreien, aber das Gewicht des vereisten Körpers presste ihm die Luft aus den Lungen.

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Gosen sprang auf Milkam zu, doch als er zum Schlag ausholte, hob der Roboterkörper die Arme und ließ die Waffe fallen. „Gosen!“, mahnte er. „Denk nach.“

Er hielt inne, das Rohr zum Schlag erhoben. Natürlich – Milkam war der einzige, der nicht das Opfer des Saht sein konnte. Er war selbst ein Saht.

„PSI“, erkannte Gosen und fluchte leise. Dieser Mistkerl steckte in einem von ihnen und benutzte seine PSI-Kräfte, um sie gegeneinander auszuspielen. Tera und Milkam waren aus dem Schneider. Narbatur wohl auch, oder der Saht war verwegener, als Gosen gedacht hätte. Würde er auf sich selbst schießen? Es wäre die perfekte Tarnung.

Oder es war einer der Klone …

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Milkam vergewisserte sich, dass Gosen nicht mehr auf ihn einschlagen wollte, dann eilte er zu der Menschenfrau hinüber. Sie war weitgehend vereist, aber ihre Brust und ihr Kopf waren noch warm.

„Wenn wir sie rasch in eine Stasiskammer bekommen, hat sie eine Chance“, beruhigte er den Sicherheitsmann, der mit entsetztem Gesichtausdruck unter der Frau lag. Seine Augen glitten immer wieder in einen leeren Blick hinüber und Milkam erwartete, dass er jeden Moment vor Überanstrengung wieder ohnmächtig werden würde, aber dann riss der Mensch sich zusammen und nickte.

„Vorsichtig, dass die Beine nicht abbrechen“, mahnte Milkam, als sie die Frau vorsichtig von ihm herunterhoben.

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Alpha warf Beta einen misstrauischen Blick zu. Sein Bruder war zu schnell bereit gewesen, ihn anzuklagen. Um von sich selbst abzulenken?

Gosen kam langsam, drohend näher. Sein Blick wanderte zwischen Alpha und Beta hin und her, versuchte zu ergründen, wem er die Stange über den Kopf ziehen sollte.

Beta keuchte furchtsam auf, blickte Alpha kurz an, schwieg aber. Dann trat er hinter seinen Bruder und legte ihm den Arm um den Hals, drückte ihm eine scharfe Plastikscherbe aus dem Gehäuse des HFS an den Hals.

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Gosen blieb stehen, als Beta seinen Bruder als Geisel nahm. Denk nach, ermahnte er sich. Er hatte heute schon zu oft spontan gehandelt.

Er musterte Alphas verdutztes, ängstliches Gesicht. Die Scherbe stach ein wenig in seinen Hals, dünnes, bläuliches Blut sickerte daraus hervor. Und die Spitze zitterte.

Betas Gesicht war angespannt, seine großen Augen wirkten eher ängstlich als wütend. Schweiß trat auf seine Stirn und sein Unterkiefer bewegte sich leicht, als wolle er etwas sagen, bekäme es aber nicht heraus.

Also musste es Alpha sein. Er sprang vor und schlug dem Klon so sanft, wie er konnte, die Stange auf den Kopf. Der verdrehte die Augen, schaffte es noch protestierend zu schnaufen, und sank dann aus dem erschlaffenden Griff seines Bruders.

„So, das hätten wir“, erklärte Gosen zufrieden. Da fiel sein Blick auf Gamma, der ihn breit angrinste, die Hand hob und die Frosterwaffe auffing, die ihm wie von Geisterhand zuflog.

Der falsche Klon, erkannte Gosen und stürmte vor, doch da glühte die Waffe bereits auf und feuerte.

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Narbatur sah, wie Gosen sich zur Seite warf, abrollte, weiterlief, während Gamma die riesige Waffe herumschwenkte und unablässig feuerte. Trümmer und Energierelais wurden in Eis gehüllt, doch der Kommandant blieb der Waffe immer einen halben Meter voraus. Bis er in einer Pfütze verkochter Zhagurüberreste ausrutschte. Er stürzte aus vollem Lauf, versuchte sich noch über die Schulter abzurollen, knallte dabei jedoch mit der Stirn auf einen Betonbrocken und blieb benommen liegen. Der Strahl zuckte gnadenlos weiter, hatte die Pfütze bereits erreicht und ließ sie zu grüngelbem Eis erstarren.

Narbatur schrie wütend auf, konzentrierte sich auf die Waffe, beschwor seine psionische Kraft herauf, um ihre Schaltkreise kurzzuschließen, den Kommandanten zu retten. Doch der Schmerz in seinem Kopf explodierte, vor seinen Augen tanzten weiße Punkte und er spürte, wie seine Knie unter ihm nachließen. Er hörte das Zischen des Frosters und wusste, dass es zu spät war, dass Gosen vom tödlichen Eis eingeschlossen wurde.

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Milkam spürte eine kalte, unbezähmbare Wut in sich aufsteigen, wie er sie noch nie verspürt hatte. Dieser Saht hatte seinen Freund übernommen, einen kleinen, unschuldigen Klon. Er war im Begriff, einen weiteren Freund zu töten. Er und seine Hirnfresserkollegen waren Schuld daran, dass Girbal ermordet worden war.

Milkam kanalisierte diese unglaubliche Wut, nutzte ihr brennendes Feuer und packte zu. Geistige Finger schlossen sich um den Lauf der eisspuckenden Waffe und hielten sie an Ort und Stelle.

Gamma ­- nein, der Saht in ihm! - blickte verdutzt auf das Mordwerkzeug, runzelte die Stirn und ruckte am Lauf, aber Milkams psionischer Griff hielt sie an Ort und Stelle.

Gamma sah sich um und Milkam spürte etwas unsichtbares, irgendwie Klebriges über sich streichen. Dann riss Gamma eine Hand in seine Richtung hoch und Milkam wurde blind und taub. Er spürte, wie sein psionischer Griff verpuffte, weil er sein Ziel nicht mehr sah. Er versuchte seinen Roboterkörper zu aktivieren, aber der gehorchte nicht. Der Mistkerl hat ihn ausgeschaltet, dachte Milkam verzweifelt und warf sich in der Nährflüssigkeit hin und her. Der Behälter im Kopf seines Roboterkörpers war jetzt nicht mehr, als ein Gefängnis.

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Gosen erhob sich benommen und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, warum er noch nicht vereist war, aber es konnte nur noch eine Frage von Sekunden sein. Er zwang seinen Körper wieder unter seine Kontrolle, und es gelang, wenn auch nur notdürftig. In Momenten wie diesen wünschte er sich seine Naniten zurück.

Er blinzelte und sah den Strahl der Waffe wie festgeheftet auf einen gesprungenen Energiespeicher keine zwanzig Zentimeter neben sich gerichtet. Das Bauteil war mittlerweile von einer dicken Eisschicht umgeben, die stetig anwuchs.

Nicht starren, bewegen!, ermahnte er sich in Gedanken, aber da riss Gamma eine Hand hoch und plötzlich zuckte die Waffe zu ihm herum.

Chance verpasst, waren seine letzten Gedanken.

Beta starrte auf Gamma, der einige Meter von ihm entfernt stand, ein bösartiges Grinsen im Gesicht, und auf Gosen schoss. Auf den Mann, den er seinen Papa nannte! Der für sie alle ein Freund, mehr noch, Familie war.

Sein Bruder riss die Hand in Richtung Milkam hoch und plötzlich konnte er die Waffe wieder bewegen. Der Strahl ruckte herum und … verschwand. Die Waffe gab ein klägliches, letztes Summen von sich, dann erloschen alle Lichter an ihr. Die Batterie war leer!

Gamma fluchte, schüttelte die Waffe wütend, betätigte erneut den Abzug, aber nichts geschah. Also warf er sie weg und streckte die Hand nach einem großen Energiespeicher aus, der neben Gosen stand. Das riesige Bauteil geriet ins Wanken, als der Saht seine psionischen Kräfte durch Gamma leitete, um Gosen mit dem zylinderförmigen Monstrum zu erschlagen.

Zeit, ein Held zu sein, ermunterte sich Beta und schaffte es tatsächlich, seine Angst zu überwinden. Mit einem Schrei, der ihm Mut machen sollte, stürmte er los, auf Gamma zu, und riss seinen Bruder um. Sie waren gleichgroß, gleichschwer, aber Beta hatte einen gewaltigen Vorteil. Er hatte gelernt, sich seinen Gefühlen hinzugeben. Und jetzt war er wütend.

Er schlug Gammas Kopf einmal kräftig auf den Boden, dann kniete er sich auf die Arme seines Bruders. Er holte zu einem weiteren Schlag aus … da hob Gamma den Kopf, sah ihn aus großen, traurigen Augen an und sagte: „Aua!“

Beta hielt inne, brachte es nicht über sich, seinen verletzlichen, hilflosen Bruder erneut zu schlagen – und wurde durch die Luft davongeschleudert, als Gamma auflachte und eine ruckende Kopfbewegung in seine Richtung machte. Beta landete auf etwas Weichem. Erschrocken bemerkte er, dass es Alpha war, doch dieser Schreck wurde nebensächlich, als er sah, wie Gamma auf die Beine sprang, die Arme in die Luft reckte und plötzlich von überallher Blitze und elektrische Kriechströme auf ihn zuwanderten. Es dauerte nur Sekunden, dann hielt er einen kopfgroßen Ball gleißender Energie in den Händen. Er holte aus, um den Kugelblitz zu werfen, und sagte: „Hm, Klonbraten.“

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