Raumhafen Adamant – Ratschlag 30

März 20th, 2011 von André Wiesler
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Ratschlag ist eine Fortsetzungsgeschichte von André Wiesler aus dem Raumhafen-Adamant-Universum und spielt vor dem Hintergrund des RAD-Rollenspiels. Sie stellt ein Sequel des RAD-Romans Die vergessene Schlacht dar und wird wöchentlich in diesem Blog fortgesetzt. Die vorhergehenden Episoden können hier eingesehen werden.

30

Gosen sprang auf die Beine und rannte auf Gamma zu, aber er war zu weit weg. In diesem Moment holte Gamma bereits aus, wollte die gesammelte Energie auf die Klone werfen.

Narbatur trat schwankend von hinten auf ihn zu. Er hielt eine gebogene Eisplatte in der Hand, die er von einem der vereisten Bauteile gebrochen haben musste, und in der Vertiefung der Platte schwappte etwas Flüssigkeit.

Das Gesicht des Sicherheitsmannes zeigte Mitleid, aber er kippte das Tauwasser trotzdem über den Klon, der in diesem Moment seinen Kugelblitz werfen wollte. Das Wasser zischte, als es auf die gleißende Energie traf, und als die Tropfen den Körper des Klons erreichten, gab es einen lauten Knall. Der Kurzschluss riss den kleinen Gamma von den Beinen, schleuderte ihn meterweit durch den Raum, bis er hinter einem geborstenen Generatorrelais landete.

Narbatur brach auf die Knie und blieb schwer atmend hocken. Gosen änderte die Laufrichtung und las im vorbeilaufen die Scherbe auf, mit der die Klone sich bedroht hatten.

Es würde ihm das Herz brechen, wenn er den kleinen Mann töten müsste, aber wenn er nur dadurch die anderen Anwesenden retten konnte, würde er es tun.

Er flankte über das Relais und landete neben Gammas rauchenden Körper. Die Augen waren geschlossen und bis auf gelegentliches Zittern war er reglos. Gosen kniete sich neben den Kleinen, legte ihm die Scherbe an den Hals.

Nein, sagte er sich. Das wäre ein zu hoher Preis!

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Beta atmete erleichtert auf, als Gosen mit dem ohnmächtigen Gamma auf den Armen um das Relais herumkam. Vielleicht konnte alles ja doch noch ein gutes Ende nehmen. Er wollte eben etwas sagen, da klang ein lautes, schiefes Kreischen durch den Raum und die hintere Wand beugte sich bedenklich nach innen.

Gleichzeitig spürte er, dass die künstliche Schwerkraft der Station nachließ. Er fühlte sich leichter, dabei stieg aber der Luftdruck, weil die Luft weniger Platz hatte, um sich auszudehnen.

„Was geschieht?“, fragte er Gosen, der fluchte und sich umsah.

Beta lief zu ihm und wiederholte seine Frage.

„Die Station ist so weit abgesunken, dass der Druck des Planeten sie zerquetscht.“

Beta lief es kalt den Rücken herunter. Das fehlte ihnen gerade noch.

„Also nichts wie weg“, sagte er, aber dann fiel sein Blick auf das schwere Sicherheitsschott, das den einzigen Ausweg versperrte. Er sah sich nach der Steuerung für das Tor um, fand aber nur noch glimmende Kabel und Trümmer, wo die Steuerkonsole gestanden hatte. Und ohne Strom würde sich das Schott ohnehin nicht bewegen.

„Und jetzt?“, fragte er Gosen, der das Gesicht verzog und sagte: „Irgendwelche letzten Worte?“

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Milkams Sicht kehrte zurück und er sah Beta, Gamma und Gosen dort stehen. Dann kam auch das Gehör wieder und er vernahm Gosens Stimme: „Irgendwelche letzten Worte?“

Milkam trat zu Narbatur und half ihm auf die Beine. Der Mensch fragte benommen: „Worauf warten wir?“

„Tor ist zu“, sagte Gosen und klang fast gelangweilt. Vermutlich seine Masche um die Angst zu überspielen.

Milkam sah zu dem Tor hinüber. Es war riesig und schwer. Aber er hatte sich selbst in den letzten Tag mehr als einmal überrascht.

Alpha regte sich und stand auf. Er rieb sich eine dicke Beule auf dem Scheitel und warf Gosen einen wütenden Blick zu.

„Macht euch bereit, hinauszulaufen!“, sagte Milkam und baute sich einige Schritte vor dem Tor auf.

Es sprach für seine Gefährten, dass keiner ihm Fragen stellte. Vielleicht machte ihnen aber auch das laute Knirschen Beine, mit dem sich die hintere Wand immer weiter in den Raum bog.

Schnell war eine Trage für Tera improvisiert, die Alpha und Beta laut schnaufend trugen. Die Menschenfrau war leicht, aber die Klone waren eben eher Denker als Sportler. Gosen hatte sich Narbaturs Arm umgelegt und trug Gamma über der anderen Schulter.

„Los!“, befahl der Kommandant und Milkam konzentrierte sich. Girbal, ich mache dich stolz, dachte er und ließ seine psionischen Kräfte aufwallen. Er spürte förmlich die kalte, metallische Berührung des Schotts unter seinen unsichtbaren Fingern. Ein letzter Blick auf seine Gefährten, die seine Hilfe brauchten, dann packte er zu. Es war ein Gefühl, als spritze ihm jemand Curare direkt ins Gehirn. Seine Sinne stumpften ab, seine Wahrnehmung schrumpfte auf einen kleinen, schmerzhaften Punkt in seinem Kopf. Er ignorierte die wachsende Qual und riss in Gedanken an dem Schott, stemmte sich gegen das unglaubliche Gewicht der Tür.

Die Schwerkraft der Station ließ noch ein wenig nach und da setzte sie sich in Bewegung. Mit einem lauten, protestierenden Knirschen schob sie sich Millimeter für Millimeter weiter hoch.

Kaum war der Spalt breit genug, duckte sich Alpha hindurch und zog Tera hinter sich her. Gosen kugelte Gamma auf den Gang dahinter, schob Narbatur und Beta hindurch und rollte selbst hinterher.

„Komm!“, forderte er.

Milkam zögerte. Er war sich nicht sicher, ob er den Druck aufrechterhalten konnte, wenn er sich bewegte. Also nahm er all seine geistigen Kräfte zusammen, stieß das Tor hoch und sprang. Doch er war zu langsam. Das Schott krachte herunter, bevor er hindurch war und zermalmte seine Brust, trennte seinen Körper knapp unter Schulterhöhe ab.

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Beta starrte entsetzt auf den zerquetschten Milkam, aber Gosen lachte auf und sagte: „Na bitte, geht doch.“

Dann hob er seine Thermomachete auf, die er vor der Tür mit den anderen Waffen zusammen weggeworfen hatte, und hackte dem Saht den Kopf ab. Da erst erinnerte sich Beta, dass Milkam ja nur einen künstlichen Körper besaß. Der kleine Saht ruhte in einem Bottich im Innern des Kopfes.

„Nicht verlieren“, sagte Gosen und drückte Alpha den Kopf in die Hand.

Ein lauter Knall ließ sie herumwirbeln und im nächsten Moment begann die Luft durch den schmalen Schlitz zu zischen, wo Milkams Körper die Tür offenhielt. Der Zug wurde zu einem Wind und dann zu einem Sturm.

„Zum Gleiter“, rief Gosen und stürmte vor. Beta lehnte sich gegen den zunehmenden Wind und zerrte die Frau hinter sich her, die immer schwerer wurde.

Sie hatten den Gleiter fast erreicht, als von der Seite eines dieser runden Wesen in ihren Weg rollte. Es hatte offenbar noch größere Schwierigkeiten, sich gegen den Wind zu behaupten, aber das hinderte es nicht daran, einen Froster auf sie zu richten.

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Gosen verfluchte sich, dass er bis auf seine Machete keine Waffe mitgenommen hatte, aber mit dem Menschen auf dem einen und dem Klon auf dem anderen Arm hätte er ohnehin nichts ausrichten können. Da kam ihm eine Idee. Er seufzte, trat einen Schritt vor, damit das Wesen die Waffe auf ihn richtete, und sagte: „Vorschlag: Ich sichere dir Amnesie zu und nehme dich mit von der Station.“

Das Wesen schnaubte eine grüne Wolke, die von der zum Leck eilenden Luft mitgerissen wurde.

„Lass es mich anders formulieren. Dein Boss ist tot“, log er. „Du wirst also nicht mehr bezahlt. Außerdem wird die Station in ungefähr einer Minute zerquetscht, was dir aber egal sein wird, denn sobald du uns erschossen hast, wird dich der Luftstrom durch den Schlitz unter der Tür saugen. Wenn du also keinen genialen Fluchtplan hast …“

Das Wesen dachte einige Sekunden nach, dann senkte es die Waffe.

„Prima! Alles einsteigen“, rief Gosen und eilte zum Gleiter. Wenig später rast er durch die Tunnel, die nicht mehr so aussahen, wie er sie in Erinnerung hatte, weil die Station mittlerweile schon ordentlich zerbeult war. Der Söldner ruhte neben ihm auf dem Copilotensitz und wies ihm mit kleinen Pseudopodien, die er je nach Bedarf ausbildete, den Weg. Das übelriechende Gas, das unter seinen Schuppen hervorströmte, füllte langsam die Fahrgastzelle.

Endlich erreichten sie den Hangar.

Bitte, sei da!, flehte Gosen in Gedanken und atmete erleichtert auf, als er sein Schiff noch immer im Hangar stehen sah. Für einen kurzen Moment hatte er befürchtet, dass doch jemand überlebt und es gestohlen hatte.

Sie luden die Verletzten in das Schiff und kurz überlegte Gosen, ob der die Kugel doch zurücklassen sollte. Aber er hatte sein Wort gegeben, darum nahm er ihr nur die Waffe ab.

„Na, das war mal wieder spannend“, kommentierte er, als er sich in den Pilotensitz fallen ließ.

In diesem Moment gab es ein markerschütterndes Kreischen und die Außenhülle der Station wurde zusammengedrückt. Die Öffnung des Hangars verschwand, wurde durch zusammengeballtes Metall ersetzt und der große Raum wurde schnell kleiner.

„Ich und meine große Klappe“, sagte er leise.

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